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Wenn die Narren in den Kar-nevalshochburgen Köln und Venedig ihre Masken und Pappnasen längst wieder in der Schublade verstaut ha-ben, geht es in Dänemark erst richtig los: Bis zu 70.000 Jecken feiern vom 25. bis 27. Mai 2006 in Aalborg ausge-lassen den größten Karneval Skandinaviens.
Seit 1983 bricht in der 21. Woche alljährlich in der Haupt-stadt Nordjütlands der Karnevalvirus aus. Warum erst jetzt? „Dann ist es warm!“ lacht Karina, dreht sich und zeigt ihr Kos-tüm: Dicht an dicht bedecken goldgelbe Pailletten Slip und BH. Über hochgesteckten, sonnenblonden Haaren türmt sich ein Federbusch, der Brasilianerinnen erblassen ließe. Goldener Lid-schatten umrahmt die Augen, feurig rot leuchten die Lippen, auf dem Bauchnabel funkelt ein goldenes Piercing in der Sonne.
Karina ist Tänzerin der Aalborger Sambatruppe Poco Loco, die – gemeinsam mit 15 anderen Gruppen – die „Battle of Car-nival“ ficht. Ihr Ziel: als beste Karnevalband des Jahres ausge-zeichnet zu werden – und neben dem Preisgeld von 10.000 Kronen (rund 1.350 Euro) die holzgeschnitzte Karnevalsmaske von Kirsten Gitz-Johansen in Empfang zu nehmen.
Freitag Abend, kurz vor 18 Uhr. Aus allen Himmelrichtungen strömen Besucher und Battle-Bands auf den idyllischen C.W.Obels Plads im Herzen von Aalborg. Im Schatten restau-rierter Bürgerhäuser mit Stufengiebel, Backsteinbauten und dem Turm der weiß getünchten Budolfi-Domkirche richten die Karnevalsgruppen ihre Kostüme, proben die Präsentation und fiebern aufgeregt ihrem Umzug entgegen, der sich eine Stunde lang durch die Stadt zum Stadtpark „Kildeparken“ windet. Mehr als 70.000 Zuschauer applaudieren entlang der Route. Mitten unter ihnen sind auch vier Juroren, die die einzelnen Gruppen beurteilen – beim Umzug wie bei der späteren Show auf der Hauptbühne im Kildeparken.
Die Prozession der Battle-Bands beginnt mysteriös. Schwarz gekleidete Wesen tanzen an der Spitze, das Gesicht hinter Holzmasken verborgen, die expressiv seelische Stimmungen ausdrücken: Wut, Furcht, Ärger, Überraschung oder Freude. Jede Maske ist ein Unikat, handgeschnitzt aus Birke oder Kiefer von Kirsten Gitz-Johansen (57), Lehrerin und Leiterin des „Dunkelvolkes“.
Seit 1989 entspringen die archaischen Erdgeister alljährlich im Frühjahr dem Schoß von Mutter Natur und stürzen sich ins Karnevalsgetümmel – in Oslo, Viareggio und London, selbst beim Neujahrsfest in Singapur war die Gruppe zu sehen, die für ihre Show 2001 mit dem mit 13.000 Euro dotierten Nordjysk Kulturpris ausgezeichnet wurde. Seit mehr als zwölf Jahren gestaltet das Dunkelvolk aus Nordjütland den Auftakt des Aal-borger Karnevals. 25 Maskentänzer treiben die bösen Geister aus der Stadt und scheuchen die Langeweile fort: Jetzt toben die tollen Tage.
Mit schrill-schräger Blasmusik aus Trompeten, Posaunen, Snare-Drums und Kuhglocken, eben typisch alemannischer „Guggemusik“, marschieren die Schweizer „Truubeschränzer“ aus Aarburg den Vesterbro hinauf. Unter riesigen blau-weißen Masken schwitzen „De Sjattrellen“ aus dem belgischen Aalst. Für Schweden kämpfen die „Party Kings“ mit den Tücken ihrer Kostüme: Immer wieder droht der leichte Wind vom Limfjord die filigranen, meterlangen Sternzacken aus Alufolien von den Tragestangen zu heben.
Karibische Farbenflut bringen zwei britische Bands, die zu den Stars des alljährlichen Nottinghill Carnival von London ge-hören: Yaa Asanteewa und P.A.T.O (Pioneers And Their Offsprings), Erwachsene und Kinder in Kostümen aus Trinidad. Seit der Gründung des Aalborger Karnevals 1983 durch Bram-well Flyckt haben auch Karnevalsgruppen aus Bulgarien, Ita-lien, Schweden, Norwegen, Slowenien, Litauen, Makedonien, Deutschland, den Niederlanden, Kamerun und Ghana an der "Battle of Carnival" teilgenommen.
Jedes Jahr steht der Aalborger Karneval unter einem beson-deren Motto. 2004 war es Atlantis, 2005 hieß es – zu Ehren des 200. Geburtstages von H.C. Andersen – „Eventyr“, was im Dä-nischen gleichwohl „Abenteuer“ wie „Märchen“ bedeutet. Mit schwarzem Zylinder, Frack, Spazierstock und Märchenbuch spazierte der dänische Nationaldichter lesend die Straße ent-lang, während Groß und Klein ihm klatschend zujubeln.
Bereits Mitte Mai wird in Aalborg der Karnevalskönig gewählt. Doch erst am Sonnabend Vormittag trifft er vom Meer her im Aalborger Hafen ein, den tanzende Nymphen, Narren und poe-tische Seeleute auf fantasievoll dekorierten Schiffen, Flößen oder Badewannen bevölkern. Zeitgleich streben drei Umzüge von Norden, Osten und Westen im Sternmarsch zum Honnørka-jen, um den König zu empfangen. Mit dabei ist auch der Aal-borger Bürgermeister Henning G. Jensen, der dem Karnevals-könig für einen Tag die Kontrolle über die Stadt übergibt – mit dem Stadtschlüssel.
Umgeben von seinen Hofdamen schreitet Majestät, der im-mer wieder stolz unter seiner purpurnen Samtrobe seine Männ-lichkeit demonstriert, vorbei an der prunkvollen Renaissance-fassade von Jens Bangs Stenhus vom Hafen bis zum Kildepar-ken, wo er anschließend mit 25 Stadtstreichern das traditionel-le Bettler-Bankett feiert.
Der wahrlich königliche Auftritt jedoch bildet nur die kleine Spitze der grandiosen „Grand Parade“. Ihre Besonderheit: Je-der kann teilnehmen. Man muss nicht Mitglied einer Karnevals-gruppe sein, nicht gut Samba tanzen können, sondern einfach nur: verkleidet sein und Spaß haben am bunten Treiben. Wenn der König die Parade der 25.000 Kaffeekannen, Wunderbäume, Gogo-Girls, Hexen, Seeräuber und Supermänner abgenommen hat, wird im Kildeparken das große Volksfest vom Vortag bis Mitternacht fortgesetzt. Vor vier Bühnen hotten Plüschhasen, Seeräuber und Squaws zu R&B, Bhangra, Jazz, Reggae und Rock'n'Roll ab. Familien picknicken unter knorrigen Kastanien, müde Narren holen ihren Schlaf nach, andere flirten. Einzig der Nachwuchs ignoriert das bunte Spektakel ringsum und schau-kelt lieber auf dem Spielplatz – hat er doch mit 4.000 ge-schminkten Gestalten in drolligen und fantasievollen Kostümen bereits am Donnerstag einen Kinderkarneval samt Umzug und Spielfest im Kildeparken gefeiert.
Vor der Hauptbühne steigt die Spannung: Welcher der fünf Finalisten siegt bei der Endausscheidung der Battle of Carnival? Zehn Minuten müssen genügen, um die Jury zu überzeugen. Vimoroz gelingt es. Die 1996 gründete Gruppe aus Aalborg, de-ren Namen lautmalerisch ihre Lebensfreude spiegelt – „Wi mo-rer os“ heißt auf Dänisch „wir haben Spaß“ – trommelt und tanzt sich mit ihrer ungeheuer kraftvollen „Afro drums 'n' rhythms“-Präsentation nach 2001 auch 2005 wieder auf den ersten Platz. Voll Pomp und Parodie übergibt König Karneval den Preis. Seine Amtszeit endet um Mitternacht – mit einem Feuerwerk über dem Hafen von Aalborg. Doch am 25. Mai 2006 übernimmt König Karneval wieder das Regiment. Sein Motto: „Exotisch, erotisch“. Helau!
von HILKE MAUNDER
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